Schwarzweiss Bilder enthalten per Definition keine Farbtöne. Trotzdem behaupte ich, können diese Bilder Farbstiche haben. Dies kann verschiedene Ursachen haben.
Unbeabsichtigt (technisches Problem)
- Digitale Konvertierung: Wenn ein RAW oder Farbbild zu SW konvertiert wird (z. B. in Lightroom über den SW-Mixer), bleibt oft ein minimaler Rest-Tint in den Tiefen oder Lichtern, wenn die Entsättigung nicht sauber über alle Kanäle gleich verläuft. Das zeigt sich z. B. als leichter Grün- oder Magentastich in den Schatten.
- Monitor-/Druckerkalibrierung: Ein schlecht kalibrierter Bildschirm oder Drucker kann neutrales Grau mit einem leichten Farbstich darstellen, obwohl die Bilddaten neutral sind.
- Papier und Tinte beim Druck: Pigmenttinten-Druck (z. B. Epson) kann je nach Papier und Tintenset einen leichten Grün- oder Rotstich in bestimmten Tonwertbereichen zeigen – ein bekanntes Problem beim SW-Fine-Art-Druck (“metamerism”).
- Analog/chemisch: Je nach Fixier- und Wässerungsprozess sowie Papiertyp (z. B. warmton- vs. kaltton-Barytpapier) hat ein Silbergelatineabzug von Natur aus eine leichte Grundfärbung.
Beabsichtigt (gestalterisches Mittel)
- Tonung (Toning): Selenton (violett-braun), Sepia (warm-braun), Blau- oder Kupfertonung – klassische Verfahren, um SW-Bildern gezielt einen Farbstich zu geben, sowohl chemisch als auch digital nachgebildet.
- Split-Toning: Lichter und Schatten erhalten unterschiedliche, oft komplementäre Farbtöne (z. B. warme Lichter, kühle Schatten) – häufig in Lightroom/Capture One genutzt.
Die oben genannten “Farbstiche” sind jedoch nicht das, was ich meine. Der Trend der übersättigten Farbtöne bis hin zu knallig, kitschigen, zerfilterten Idyllen oder Menschen setzt sich leider auch in der Schwarzweissfotografie immer mehr durch. Schwarzweissfotos sind immer wieder “in”. Also findet man auch immer wieder schauerliche Ergebnisse von mit Filtern verunstalteten Bildern im Internet. Warum Menschen mit Bronzeton gezeigt werden, als ob sie zu viel Selbstbräuner verwendet hätten ist mir ein Rätsel.

Was ist da technisch passiert:
Haut hat viele feine Rotanteile – Äderchen, leichte Rötungen, Poren, Aknenarben, ungleichmässige Pigmentierung. In Farbe fallen diese kaum auf. Sobald man aber beim SW-Konvertieren den Rot- und/oder Orange-Kanal stark absenkt, werden genau diese rötlichen Bereiche der Haut plötzlich viel dunkler als der Rest – und das ergibt genau dieses fleckige, ungleichmässige Muster, das wie ein Sonnenbrand oder ungleichmässige Bräune aussieht. Die Haut wirkt dann nicht mehr glatt-grau, sondern “marmoriert” mit dunklen Flecken an Wangen, Nase, Stirn.
Der gegenteilige Fehler – Rot/Orange zu stark anheben – führt übrigens zum Gegenteil: Haut wirkt papieren, ausgewaschen, ohne Textur, fast wächsern.
Warum das oft passiert:
- Viele SW-Presets sind zu aggressiv eingestellt und wurden nie auf echten Hauttönen getestet.
- Manche drehen den Orange-Regler runter, um z. B. Himmel oder Landschaft dramatischer zu machen, vergessen aber, dass Hauttöne genau in diesem Bereich liegen.
- Ohne Luminanzmaske oder radialen Filter wirkt sich die globale Kanalanpassung gleichermassen auf Gesicht, Himmel und alles andere aus.
Wie man’s richtig macht:
Für Porträts sollte man Rot/Orange in der SW-Umwandlung eher moderat und in kleinen Schritten anpassen und dabei ständig auf Wangen, Stirn und Nase schauen (dort zeigt sich der Effekt zuerst). Oft hilft es, gezielt eine Luminanzmaske nur auf die Haut zu legen, statt global am Kanal zu drehen – dann bleibt die Rötung sichtbar reduziert, ohne die fleckige Marmorierung.