Auf der Suche nach immer wieder spannenden Astro Aufsätzen bin ich zurück auf den Benro Polaris-Astro gekommen. Tobco hat mir den netterweise zu einem Test zur Verfügung gestellt. Trotzdem werde ich das Produkt neutral und objektiv beurteilen. Ich muss aber eingestehen, dass ich mich zwar mit Gross-, Mittel- und Kleinformat sehr gut auskenne. Astrofotografie allerdings ist nicht mein professionelles Betätigungsfeld.
Entstehung und Markteintritt
Benro, ein chinesischer Hersteller von Stativsystemen und Kamerazubehör mit einer Unternehmensgeschichte von beinahe zwei Jahrzehnten, schlug 2021 einen ungewöhnlichen Weg ein: Das Unternehmen lancierte seine erste Kickstarter-Kampagne für einen elektrischen Stativkopf mit integrierter Kamerasteuerung – den Benro Polaris. Die Kampagne lief vom 3. Februar bis zum 15. März 2021 und übertraf das ursprüngliche Finanzierungsziel von HK$ 200.000 um ein Vielfaches: Am Ende hatten 3.600 Unterstützer zusammen über HK$ 20,8 Millionen zugesagt. CineDKickstarter
Die Konzeption sah von Beginn an mehrere Produktlinien vor. Während eine Basis-Timelapse-Version zum regulären Preis von 839 US-Dollar angeboten wurde, richtete sich die Astro-Edition mit Sternverfolgungsfunktion an Astrofotografen und war zum Standardpreis von 999 US-Dollar geplant. Eine Premium-Variante mit mobilfunkgestützter Konnektivität sollte den Markt bei 1.199 US-Dollar erschliessen. Digital Camera World
Technisches Konzept und Innovation
Was den Polaris von klassischen Pan-Tilt-Köpfen grundlegend unterscheidet, ist das Zusammenspiel aus motorisierter Mechanik und integrierter Rechnerlogik. Der Polaris verfügt über einen eingebauten 64-Bit-ARM-Prozessor und ein Linux-basiertes Betriebssystem. Bewegungsabläufe, Vorschauen und Einstellungen können zwar per Smartphone-App gesteuert werden, die eigentliche Rechenarbeit leistet jedoch der Kopf selbst – unabhängig von der Rechenleistung des Mobilgeräts. PetaPixel
Als weltweit erster elektrischer Stativkopf mit integriertem Kamera-Interface-Controller ermöglicht der Polaris eine direkte, drahtlose Verbindung zur Kamera. Trotz seiner hochwertigen Metallkonstruktion wiegt der Grundkopf lediglich 1,1 Kilogramm und trägt Ausrüstung von bis zu 7 Kilogramm. Das Gehäuse besteht aus einer Aluminiumlegierung in Kombination mit rostfreiem Stahl und erfüllt die Schutzklasse IPX6, was den Betrieb auch unter intensivem Regenfall ermöglicht.
Das Astro-Modul BR205: Die dritte Achse für die Himmelsfotografie
Das Kernstück für die Astrofotografie ist das separat erhältliche Erweiterungsmodul BR205. Das Astro-Modul wird in die Schnellspannklemme des Polaris eingesetzt und verfügt über eine drehbare Arca-Swiss-kompatible Klemme, welche die Sternverfolgung auf einer dritten Achse realisiert. Die Astro-Edition des Polaris unterstützt dabei sämtliche intelligenten Betriebsmodi, während die Timelapse-Variante auf die Sternverfolgungsfunktion verzichtet. Das Astro-Zusatzmodul ist jedoch auch separat erhältlich, sodass Besitzer der Timelapse-Version ihr Gerät nachträglich aufrüsten können.
Astrofotografie gehört zu den technisch anspruchsvollsten Bereichen der Fotografie, in der präzise Nachführung über Erfolg oder Misserfolg von Langzeitbelichtungen entscheidet. Der Polaris setzt genau hier an und versucht, klassische Herausforderungen dieses Genres durch Automatisierung zu lösen. Calumet Photo Video
Zu den integrierten Modi zählen neben Star Tracking unter anderem People Remover, Panorama, Motion Timelapse, Dynamic Exposure Timelapse sowie Focus Stacking. Eine Akkulaufzeit von über 24 Stunden und die Möglichkeit, die Kamera während des Betriebs zu laden, machen das System für ganztägige und -nächtliche Einsätze geeignet. Benro DE-EUR
Lieferverzögerungen und Community-Reaktionen
Die Geschichte des Benro Polaris ist freilich nicht frei von Schwierigkeiten. Obwohl die Kampagne höchst erfolgreich war, begann die Auslieferung erst Ende 2022 – mit erheblicher Verzögerung gegenüber der ursprünglich für Juli 2021 angekündigten Lieferung. Nutzerbeschwerden häuften sich: Probleme mit mechanischer Qualität, ausbleibende Firmware-Updates und mangelnde Kommunikation seitens Benro prägten Foren und Facebook-Gruppen. Die Kamerakompatibilität, basierend auf der libgphoto2-Bibliothek, blieb auf einem älteren Stand, da Aktualisierungen ausblieben.
Trotz dieser Widrigkeiten entwickelte sich eine aktive Nutzer-Community. Eine Gruppe von Enthusiasten gelang sogar die Integration des Polaris in die Astrofotografie-Software NINA über das Alpaca-Benro-Polaris-Projekt, womit GoTo-Funktionen und Autoguiding realisierbar wurden. Astronomie.de
Praxistauglichkeit und Positionierung
In der fotografischen Praxis erweist sich der Polaris als handhabbares, wenn auch anspruchsvolles Werkzeug. Ein korrekt nivelliertes Stativ ist absolute Grundvoraussetzung für brauchbare Astroaufnahmen. Das Gewicht von 1,5 Kilogramm macht den Kopf dennoch für Reisen und sogar für das Handgepäck geeignet. Messsucherwelt
Die drahtlose Verbindung erlaubt es, Aufnahmen aus der Ferne zu überwachen, Dateien per App in der Vorschau zu betrachten und herunterzuladen – ein Komfortgewinn, der den Polaris von rein mechanischen Nachführlösungen der klassischen Art abhebt. Calumet Photo Video
Was lässt sich also allgemein sagen
Der Benro Polaris mit seinem Astro-Modul steht exemplarisch für den Versuch, professionelle astronomische Nachführtechnik und smarte Fotografie-Automatisierung in einem portablen, app-gesteuerten System zu vereinen. Die Produktgeschichte spiegelt dabei die Ambivalenz des Crowdfunding-Modells wider: enormes Innovationspotenzial einerseits, erhebliche Umsetzungsrisiken andererseits. Für ambitionierte Astrofotografen, die auf das Gewicht achten müssen und keine klassische Äquatorialmontierung tragen möchten, bleibt das System ein interessanter, wenngleich nicht unumstrittener Ansatz – dessen Software-Ökosystem durch Firmware-Updates und Drittanbieter-Integrationen weiter reifen müsste.

Meine Erfahrungen mit dem Benro Polaris Astro 3-Achsen Kopf

Der Benro Kopf wird in einer qualitativ sehr hochwertigen Verpackung geliefert. Das ist für mich immer extrem wichtig, da ich oft in dunkler Nacht unterwergs bin. Zu Fuss oder mit meinen Lasten-Esel, dem eBike. Alles ist einfach und griffbereit verstaut. Alle Anschlüsse am Benro beruhen auf USB C Anschlüssen und sind eindeutig beschriftet. Ich konnte das Gerät auspacken anschliessen und mit dem Handy verbinden. Das hat keine 10 Minuten in Anspruch genommen und ist nicht selbstverständlich. Ich habe mit meiner Z6 und mit meiner Z9 gearbeitet. In beiden Fällen war die Verbindung völlig unproblematisch sowohl was die Kamerasteuerung als auch das Livebild anging. Ich habe bewusst mit Fisheye bis 600mm brennweiten getestet und der Kopf hat nie Probleme mit der Nachführung gehabt.
Die stabilität des handlichen Kopfs ist erstaunlich. Da haben die Ingenieure von Benro wirklich tolle Arbeit geleiestet. Was allerdings nicht geht, ist eine manuelle Wahl des Bildausschnitt. Das geht auschliesslich über die Motorsteuerung. Das hat mich ab und zu genervt, weil das motorisierte Schwenken natürlich viel langsamer geht, als von Hand. Es ist aber verständlich, dass damit Motoren und Getriebe vor Fehlmanipulationen geschützt werden. Mechanische Grundgenauigkeit des Benro Polaris: Die Tracking-Genauigkeit wurde auf 9 Bogensekunden (arcsec) optimiert. Der Zielwert mit Alpaca Pilot liegt bei 2 Bogensekunden.
Installation von Alpaca 2.0
Ich habe mich dazu entschieden Alpaca auf meinem XMG Rechner mit AMD Prozessoren zu installieren. 96 GB Ram und 8 TB Festplatte sollte dazu reichen. Um die Python-basierte Anwendung starten zu können musste ich zuerst die korrekte Python – Version installieren. Soweit so gut. Danach den Rechner via Wlan mit Benro verbinden. Das war eine Lotterie. So ist es auch im Netz dokumentiert. Manchmal gehts und manchmal gehts eben nicht. Empfohlen ist dann der TP-Link AC600 USB WiFi Adapter. Mit diesem Adapter konnte ich dann Tage später tatsächlich eine Verbindung zum Benro Kopf herstellen und erste Tests durchführen. Jeder Antriebsmotor lässt sich individuell testen und mit der Software werden die Schwankungen im Antrieb in Millisekunden korrigiert.

Es ist eindrücklich zu sehen, wie exakt sich das System selber kalibriert und er Antrieb so noch viel Genauer arbeitet, als mit der Standardsoftware. Die Weboberfläche (Alpaca Pilot) ersetzt das reguläre Astro-Modul der Benro-App und ermöglicht präzisere Vorgänge (wie Multi-Point-Alignment, Home/Park-Funktionen. Die GPS Localisation erkennt sofort und zuverlässig die Position und somit Längen- und Breitengrad.

Die Weboberfläche, die über den Browser gesteuert wird – und somit auf jedem Gerät läuft – bietet eine Vielzahl von Einstellungsmöglichkeiten. Trotzdem findet man sich sehr gut zurecht. Die Oberfläche ist übersichtlich, logisch und sogar ich habe mich rasch damit zurecht gefunden. Die Installation des Alpaca Benro Polaris Drivers v2.0 (ABP) “verwandelt” den Benro Polaris in einen präzisen Astrofotografie-Mount. Das heisst, die Hardware bietet – auch etwas in die Jahre gekommen – ein viel grösseres Potenzial, wenn man die Software austauscht.
Ich bin erstaunt, dass Benro auf halbem Weg mit der Entwicklung quasi aufgehört hat. Während die Ingenieure wirklich eine super Hardware entwickelt haben, scheinen die Softwareentwickler nicht wirklich eine Ahnung von Astrofotografie gehabt zu haben. Leider wurden von Benro auch keine umfassende Updates mehr geliefert. Aktuell scheint nicht klar, ob Benro die Produktion des Kopfs einstellen wird. Es gibt zwar Gerüchte aber keine Bestätigung. Wer sich also überlegt, einen Benro Astro Polaris anzuschaffen sollte das jetzt noch tun (z.B. bei Tobco )
Die aktuelle Software verbindet zwar stabil über Wlan / Bluetooth mit dem Handy, Tablet oder PC. Aber die genaue Ausrichtung mit dem Handy lässt sehr zu wünschen übrig. So musste ich jedesmal das Handy aus der Hülle klauben, um eine einigermassen präzise Kompassausrichtung zu erzielen. Trotzdem hat der Benro mit dem Astroaufsatz die genaue Position nie gefunden. Ich musste immer nachjustieren. Beim Alpaca wäre das eben etwas anders. Abgesehen, dass beim Alpaca Pilot eine riesige Datenbank an Planeten, Sternen, Galaxien und Nebel zur Verfügung stehen, so ist die Auswahl bei der Originalsoftware kläglich. Man muss allerdings auch sagen, dass es schwierig ist eine Galaxie zu finden, wenn der Kopf irgendwo hinzeigt. Galaxien werden ja im Bild oft est nach Stunden von Belichtungszeiten sichtbar. Das geht also eigentlich mit der Benro standardausführung gar nicht. Dazu muss der Kopf über eine echte Goto – Funktion verügen und den Sternenhimmel erkennen. Das geht mit Alpaca und zusätzlicher Software.
Um N.I.N.A. (Nighttime Imaging ‘N’ Astronomy) oder Stellarium zu verwenden, muss die ASCOM Alpaca Schnittstelle installiert sein. Da wird es nun etwas komplizierter. Die Installation von Alpaca Pilot, N.I.N.A und de ASCOM api kann leider nicht durch ein simples setup.exe erledigt werden. Hier gelangt man jetzt in den Bereich der Astro Nerds. Ich habe es schliesslich geschaft, alles zu installieren und zu verbinden. Leider nur bis zu einem letzten und entscheidenden Punkt. Um jetzt an Hand der Sterne im Sucher die exakte Positionierung (Plate Solving) zu erzielen, braucht es natürlich einen Treiber, der die Kamera unterstützt. Hier war bei mir Schluss. Leider ist das Angebot für SLR oder Spiegellose Vollformatkameras recht bescheiden. In der Astrofotografie sind das ja auch nicht die im Fokus stehenden Kameras. IR – Spezialkameras sind hier natürlich viel besser geeignet. Also musste ich leider die Übung hier abbrechen. Ich konnte keine meiner Nikon Kameras verbinden.
Trotzdem habe ich aber einige Tests erfolgreich gemacht…
Fortsetzung folgt
Hier eine Aufnahme mit Vollformat und 135mm mit der Nachführung. Keine Filter (!). Im Bild der grosse Orionnebel und das Dach des Nachbargebäudes.

So sieht der Orionnebel aus meinem Garten mit einem “billig” Astroteleskop aus:
