Die Entwicklung: Vom App-Leak zum Produkt

Die Geschichte des Draco begann ohne offizielle Ankündigung. In der Dwarflab-Atlas-App tauchte ein unangekündigtes Geräteprofil namens Draco auf, mit einem Teleskop-Bildfeld von 1,87 × 1,05 Grad und einem Weitwinkel-Bildfeld von 70,1 × 43,2 Grad. Die Szene schloss daraus auf Brennweite und Sensor. Ein Patent einer Wuhaner Firma, die laut Medienberichten Dwarflabs Entwicklungstochter ist, beschreibt ein gefaltetes optisches Design mit 339,92 mm Brennweite, das das Bildfeld sehr genau vorhersagte. Die Apertur von etwa 90 mm bestätigte Dwarflab später auf einer Teaser-Seite.

Beim Sensor lag die Szene allerdings falsch. Sie vermutete einen Sony IMX585, doch Brennweite und IMX585-Sensor waren zu diesem Zeitpunkt nur Schlussfolgerungen, keine publizierten Spezifikationen. Die Datenblätter nennen inzwischen einen OV50Q40 als Haupt- und einen OV50E40 als Weitwinkelsensor. Das ist eine Händlerangabe, die ich nicht beim Hersteller verifizieren konnte.

Dwarflab kündigte das Gerät am 9. September 2026 an. Seither ist es als Pre-Order erhältlich. Die Liefertermine haben sich dabei verschoben: Anfangs hiess es, Bestellungen aus dem September würden innerhalb von zwei Monaten versandt. Später sprach der Hersteller von bis zu drei Monaten, und ein US-Händler nennt Anfang Dezember. Heute hat Dwarflabs mir bestätigt, dass eines der ersten Geräte in Europa – die SHO Edition – an mich geliefert werden wird.

Hier ein paar Bildbeispiele aus meinen Dwarflab Schulungen

Die Spezifikationen

Optik und Kameras

  • 90 mm Apertur, 340 mm Brennweite, f/3.8.
  • Die Hauptkamera hat einen 1/1,3-Zoll-Sensor mit 50,33 MP und nativ 1,2-µm-Pixeln. Für Deep-Sky-Aufnahmen wird 2×2 gebinnt, was rund 12 MP bei 2,4 µm ergibt. Rechnerisch (eigene Berechnung) entspricht das etwa 1,46 Bogensekunden pro Pixel im Binning-Modus.
  • Die Weitwinkelkamera hat einen 1/1,55-Zoll-Sensor mit 23,3 mm Kleinbildäquivalent. Dazu kommt eine Guiding-Kamera mit 4,09 MP

Nachführung und Aufnahme

  • Das Gerät hat ein integriertes Guiding, das 300-Sekunden-Einzelbelichtungen stabil halten soll.
  • Der Hauptsensor lässt sich physisch um ±90° rotieren. Laut Datenblatt kompensiert er damit die Bildfelddrehung.
  • Es gibt azimutale und äquatoriale Betriebsmodi. Das mitgelieferte Stativ hat keinen Neigekopf, für EQ braucht es also ein anderes Stativ.
  • Ziel, Zeit und Parameter lassen sich in der App vorgeben, das Gerät weckt sich selbst auf, sucht das Objekt und nimmt auf.

Gehäuse und Technik

  • Das Gerät wiegt 5,5 kg und hat eine Akkulaufzeit von etwa 5 Stunden. Dazu kommen 128 GB Speicher, ein 10’000-mAh-Akku, USB-C, WLAN, Bluetooth und NFC.
  • Ein Händler nennt Schutzart IP56. Der Betriebsbereich liegt laut Datenblatt bei -20 bis 45 °C.

Preise und Editionen
Es gibt eine Standard-Version für 1’399 USD und eine SHO-Version für 1’599 USD. In Deutschland nennt ein Händler ab 1’499 Euro.

Was ist neu, was ist einmalig?

Aperturklasse. Der Draco hat 90 mm Apertur, das ist grösser als jedes bisherige Dwarflab-Gerät und wird nur von wenigen verbreiteten Smart-Teleskopen erreicht. Zum Vergleich: Das Dwarf 3 hat 35 mm Apertur.

Kombination aus Guiding, Derotation und Kühlung. Einzelne Features gibt es bei anderen Geräten ebenfalls, aber diese Kombination in einem tragbaren Smart-Teleskop dieser Preisklasse ist selten. Ein Vergleichstext hält fest, dass der Draco auf dem Papier bei Bildtiefe klar vor der 50-mm-Vespera 3 liegt, und das zu unter zwei Dritteln des Preises. Das gilt allerdings nur, wenn die Spezifikation in der Praxis hält.

Wärmerecycling. Der Hersteller leitet einen Teil der Sensorabwärme zur Optik um, damit diese nicht beschlägt. Das ist ein eleganter Ansatz, der ein Kühlungs- und ein Tauproblem gleichzeitig angeht.

Wo bleiben Fragezeichen?

1. Die Kühlleistung. Der Hersteller nannte zunächst keine Zahl. Laut einer in einem Forum zitierten FAQ kühlt der Draco den Sensor um etwa 5 bis 10 °C unter Umgebungstemperatur, und eine frei wählbare Solltemperatur ist derzeit nicht vorgesehen. Das ist deutlich weniger als bei dedizierten Astrokameras. In der Community wird das als Folge der Akku-Versorgung diskutiert, wobei Forennutzer vermuten, dass eine stärkere Kühlung die Leistungsaufnahme stark erhöhen würde. Ich habe die FAQ nicht direkt beim Hersteller gesehen, die Angabe sollte also noch bestätigt werden.

2. Die Software. Das ist laut einem Händler die grösste offene Frage: Guiding, Derotation, Kühlung und 300-Sekunden-Frames brauchen Software, und die Dwarf-App war bisher eher auf manuelle Kontrolle als auf Politur ausgelegt. Ein anderer Händler weist darauf hin, dass die Hardware neu ist, die App (Version 3.4.2) aber seit Jahren bei DWARF II, 3 und Mini im Einsatz ist.

3. Die reale Bildqualität. Alle bisher veröffentlichten Bilder stammen von Dwarflab selbst. Unabhängige Praxistests fehlen noch.

4. Der Filtersatz. Die Quellen widersprechen sich. Ein Händler beschreibt vier eingebaute Schnellwechsel-Filter, wobei die SHO-Version den SII-OIII-Filter durch einen ND-Sonnenfilter ersetzt. Ein anderer Händler nennt ein eingebautes SII-, H-alpha- und OIII-System mit externem Sonnenfilter. Wie viele Filter es wirklich gibt und welcher bei welcher Edition ersetzt wird, ist unklar.

5. Details bei Weitwinkel und Planeten. Beim Weitwinkel schwanken die Angaben zwischen 70,1 × 43,2 Grad in der App und 73,20 × 58,23 Grad bei einem Vergleichstext. Planetenfotografie wird als bei 340 mm nicht für detaillierte Aufnahmen geeignet beschrieben, während ein anderer Händler hochaufgelöste Mond- und Planetenaufnahmen verspricht.

6. Lieferzeit. Die Angaben reichen von zwei Monaten bis Anfang Dezember. Wer bestellt, sollte mit Verzögerungen rechnen.

Workshops im Angebot

Wer die Geräte von Dwarflabs testen möchte, kann das bei mir tun. Gerne werde ich im Astro Workshop die Geräte vorstellen.

Draco SHO Edition: Möglichkeiten

Was die SHO Edition ausmacht

Die SHO Edition ist die Narrowband-Variante des Draco. Der Unterschied liegt im Filtersatz der Telekamera. Beide Editionen haben denselben Astro-Filter, dieselbe Dunkelbild-Position und denselben Hα+OIII-Dualband-Filter. Die Standard-Edition hat zusätzlich einen eingebauten ND-Sonnenfilter. Die SHO Edition ersetzt diesen durch einen S II + O III Dualband-Filter und liefert den Sonnenfilter als externes Zubehör mit.

Damit sind in der SHO Edition vier Filterpositionen belegt: Astro-Filter, undurchsichtige Dunkelbild-Position, 13-nm-Hα+OIII und 13-nm-SII+OIII. Das klärt die widersprüchlichen Händlerangaben, die ich im Artikel erwähnt hatte.

Was sich damit machen lässt

Hubble-Palette (SHO) automatisch. Die Wellenlängen sind Hα bei 658 nm und OIII bei 503 nm für den einen Filter, SII bei 671,6 nm und OIII bei 500,7 nm für den anderen, jeweils mit 13 ± 3 nm Bandbreite. Die Edition nimmt die drei Kanäle nacheinander auf und verarbeitet sie in der App. Laut Hersteller entstehen so die klassischen blau-goldenen SHO-Bilder. Dwarflab betont, dass die SHO Edition echte Mehrband-Daten für die SHO-Verarbeitung erfasst.

Eigene Bearbeitung. Die Daten lassen sich auch selbst verarbeiten: Die App kann das Hubble-Palette-Bild erzeugen, alternativ lassen sich FITS-Dateien exportieren.

Emissionsnebel auch unter Stadthimmel. Der Hα+OIII-Filter reduziert den Einfluss von Hintergrundlicht bei Emissionsnebeln. Das gilt für beide Editionen.

Alles andere wie beim Standard-Modell. Die SHO Edition hat denselben Kern: 90 mm f/3.8, Kühlung, Guiding und 300-Sekunden-Belichtungen, dazu die Weitwinkelkamera. Auch EQ- und Pro-Modus gehören laut Händler dazu.

Einschränkungen im Vergleich zum Standard-Modell

Sonne nur mit manuell montiertem Filter. Beim Standard-Modell schaltet die App den ND-Filter automatisch und auch ferngesteuert ein. Bei der SHO Edition muss der externe magnetische ND-Filter vor dem Sonnenbeobachten sicher angebracht sein, bei Fernsteuerung also schon vorher vor Ort. Die Sonne darf nie ohne passenden ND-Filter anvisiert werden.

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